Kolumne „Mut mit Vorsicht genießen“

Freunde des gesprochenen Wortes,

wir wissen nicht, ob es eine gute Idee ist, diesen Text zu schreiben. Und auch noch zu veröffentlichen. Im Internet. Er kann falsch verstanden werden. Anders rüberkommen als gemeint. Was, wenn der Text sich verselbstständigt und wir die Kontrolle verlieren. Noch besteht die Möglichkeit umzukehren und lieber über etwas anderes zu schreiben. Ach wisst Ihr was, zu spät.

“Das alles und noch viel mehr, würd ich machen, wenn ich König von Deutschland wär”. Was Rio Reiser locker runterträllert, sieht in der Realität oft schwieriger aus. Beim Anblick potenzieller Macht und wichtigen Positionen gehen solche Sprüche leicht von der Zunge. Doch wenn man erst in der Verantwortung steht, schleicht sich oft ein anderes Gefühl dazu. Ein beklemmendes Gefühl, das einem erst die Ruhe und dann das Selbstvertrauen nimmt: die ANGST.

“Furcht ist nicht in der Liebe” heißt es im 1. Brief des Johannes (4;18). Ein Spruch, der Mut machen kann und gleichzeitig aufzeigt, wie schwer es wirklich ist, ein von Liebe erfülltes Leben zu führen. Wovor können selbst wir in diesem reichen Teil der Welt nicht alles Angst haben? Angst vor Veränderung, Angst vor schlechtem WLAN, Angst vor zu viel Regen und warmen Bier, Angst vor der Steuer und dem Erwachsenwerden. Die Angst ist so allgegenwärtig, dass wir uns schließlich auch ein bisschen vor ihr selbst fürchten könnten. #angstvorangst

Jetzt wollen wir nicht nur auf die Angst schimpfen. (Nachher tut die uns noch was.) Sie ist immerhin auch ein Grund, warum wir das hier schreiben können. Als Urinstinkt hat sie uns geholfen zu überleben und dafür gesorgt, dass nicht eine Gruppe muskelbepackter Säbelzahntiger kurzen Prozess mit unserer Spezies gemacht hat. Über eine Packung Nächstenliebe hätten sich auch die Tiger gefreut, ihren Mittagshunger hätte sie nur kaum gestillt.

Doch die Furcht, wie wir sie heute kennen, erfüllt einen anderen Zweck. Sie raubt Motivation, wo Mut voranbringen könnte. Sie schürt Zweifel und zersetzt Vertrauen. Sie lähmt uns im wahrsten Sinne des Wortes: So reagieren Menschen in extremen Gefahrsituationen – wir erinnern uns an den hungrigen Säbelzahntiger – entweder mit dem Kampf (“fight”) und der sofortigen Flucht (“fly”) oder aber mit einer Schockstarre (“freeze”). Nicht umsonst warnt sogar Meister Yoda vor den schrecklichen Folgen der Furcht:

Jetzt wird manch Angsterfüllter das Bedürfnis verspüren, der Furcht einen anderen Namen zu geben. Einen netteren, auch nicht immer unberechtigten. Mit Bedacht verraten wir euch den Namen: die Vorsicht. Die Vorsicht ist die kleine Schwester der Angst, die doch lebensrettend ist. Sie bewahrt uns davor, bei 200 km/h auf der Autobahn die Augen zu schließen, sie erinnert uns daran, Wein nicht mit Bier zu kreuzen und Arbeitseinsätze stets nur mit adäquater Sicherheitsausrüstung zu bestreiten. Der Vorsicht verdanken wir viel, auch dass wir noch diverse Körperteile besitzen.

Und so geht es uns nicht darum, den blanken Irrsinn auszurufen. Nein, diesmal wirklich nicht. Wir brauchen durchdachtes Tun und Handeln in allen Bereichen des Schaffendürfens. Wir haben nur Angst, dass manchmal die Grenzen zwischen notwendiger Vorsicht und betäubender Angst verschwimmen können. Dass die Angst treibt und Motivation und Schaffenskraft junger Leute im Keim erstickt. Obwohl doch das Ziel das gleiche ist. So können zwar Jüngere vor Leichtsinn bewahrt werden, doch so manch frische Idee und notwendige Erfahrung bleiben auf der Strecke.

Über den Grad zwischen notwendiger Vorsicht und notwendiger Verwegenheit lässt sich endlos streiten. Da wir zu panisch für ein eigenes Schlusswort sind, schließen wir mit der letzten Strophe des Gedichts “Was es ist” von Erich Fried:

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Janosch & Robin
Buschfunk-Redaktion

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